Leni Riefenstahl gehört zu den umstrittensten Persöhnlichkeiten der Filmgeschichte. Mit ihren Filmen "Triumph des Willens" über den Reichsparteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg und "Olympia" über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin setzte sie neue Massstäbe für die Filmsprache. Die dramatische Kraft ihrer Bilder und ihrer Montage machte sie weltberühmt, rückte sie aber auch in die Nähe des nationalsozialistischen Regimes.


Unabhängig von ihren propagandistischen Inhalten gelten die Filme Riefenstahls als Meisterwerke. Kameraführung, Schnitt, Effekte und Inszenierung wurden von vielen Filmschaffenden wie z.B. George Lucas, Francis Ford Coppola nachgeahmt. Hollywood-Regisseur George Lucas nannte Riefenstahl einmal "die modernste Filmemacherin überhaupt". Die Ästhetik, die sie mit ihrer Arbeit geprägt hat, beeinflusst bis heute viele Genres. Von der Pop-Kultur einer Rammstein-Adaption bis hin zur Ästhetisierung in der Werbung. Die Rezeption der Riefenstahl-Filme bewegt sich zwischen ästhetisch-künstlerischer Faszination und ideologischer Verdammung.


Filmregisseur Dominik Graf: "Tatsache ist, dass ihr Stil sich als so überlebensfähig erwies, dass er im mythologischen Hollywoodkino der 90er-Jahre quasi wiedererweckt wurde."

Fotokünstler Thomas Dernand: "Man muss sehen, dass die Schweißperlen, die heute in jedem Nike-Spot zu sehen sind, zum ersten Mal bei ihr vorkamen." Größen des internationalen Lichtspielwesens von Jean Cocteau, Frankreich, bis "Star Wars"-George Lucas, USA, haben auf Leni Riefenstahl Hymnen gesungen.

Die beiden Olympia-Filme "Fest der Völker (Teil I)" und "Fest der Schönheit (Teil II)" wurde1956 von einem Gremium von Fachleuten in Hollywood unter die zehn besten Filme aller Zeiten eingereiht.

Leni Riefenstahl: "In dieser Zeit (1938) sah ich den Film, der alle bisher gesehenen Filme in den Schatten stellte: "Panzerkreuzer Potemkin" von Sergej M. Eisenstein. .... Die Wirkung war ungeheuer, Technik, Fotografie und Personenführung revolutionär. Zum ersten Mal wurde mir bewußt, daß Film auch Kunst sein könnte."


Leni Riefenstahl's Kurz-Biographie:
22.08.1902 Leni Riefenstahl wird in Berlin als Tochter des Kaufmanns und Installateurmeisters Alfred Riefenstahl und dessen Frau Bertha im Berliner Stadtteil Wedding geboren.
1918 Riefenstahl nimmt nach anfänglichem Widerstand des Vaters Mal- und Zeichenkurse an der Berliner Kunstakademie. Nebenbei beginnt sie eine Tanzausbildung an der "Mary-Wigman-Schule", lernt dort Ballett und modernen Tanz und tritt bald mit eigenen Choreografien auf.
1920 Sie reist als erfolgreiche Tänzerin durch Deutschland, die Tschechoslowakei und die Schweiz.
1923 In München hat sie ihren ersten Soloauftritt als Tänzerin "Diotima".
1923 - 1926 Max Reinhardt engagiert sie als Solotänzerin für das Deutsche Theater in Berlin. Danach folgen zahlreiche Auftritte an Theatern in ganz Deutschland. Eine Knieverletzung beendet ihre Tanzkarriere, stattdessen verschreibt sie sich dem Film.
1926 Von Arnold Fanck (1889-1974), dem Schöpfer des Subgenres "Bergfilm", und Luis Tenker entdeckt, gibt sie in "Der heilige Berg" mit der Rolle der Diotima ihr Leinwanddebüt. Damit beginnt eine langjährige Zusammenarbeit mit Fanck, der ihr in seinen Abenteuer- und Bergfilmen wichtige Rollen gibt.
1926 - 1933 In den Filmen "Der große Sprung", "Weiße Hölle vom Piz Palü" (1929), "Stürme über dem Mont Blanc" (1930) und "Der weiße Rausch" spielt Riefenstahl Hauptrollen und erlangt große Popularität. Für die Filmarbeiten lernt sie klettern und Ski fahren. Gefährliche Stunts lässt sie nicht "doubeln" sondern führt diese selbst aus. Daneben eignet sie sich auch in der Zusammenarbeit mit Fanck weitreichende Kenntnisse über Kamera-, Regie- und Schneidetechnik an.
1931 Riefenstahl gründet ihre eigene Produktionsfirma "Leni Riefenstahl Studio Film".
Mit dem mystisch-romantischen Bergfilm "Das blaue Licht" gibt sie 1932 ihr Debüt als Regisseurin und übernimmt darin selbst die Hauptrolle. Der Film wird auf dem Filmfestival in Venedig mit der Silbermedaille ausgezeichnet.
In Deutschland wird er ein Publikumserfolg und erregt die Aufmerksamkeit von Adolf Hitler.
Im Mai 1933 erfolgt ein erstes Treffen mit Hitler, mit dem sie eine enge Freundschaft schließt, die auf gegenseitigem Respekt beruht. Riefenstahl ist eine der wenigen unverheirateten Frauen, die häufiger mit Hitler gesehen werden, doch eine Duz-Freundin Hitlers, wie dies etwa Winifred Wagner war, ist Riefenstahl nie geworden.
1933 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten beauftragt Hitler Riefenstahl, den Film über den Reichsparteitag in Nürnberg zu drehen. Ihr Propagandafilm mit dem Titel "Sieg des Glaubens" setzt mit einer ästhetisch bestimmten Dokumentation die Selbstdarstellung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) um.
Zum Propagandaminister Joseph Goebbels steht sie trotz dessen offizieller Unterstützung ihrer Filmarbeiten in einem gespannten Verhältnis. Goebbels steht ihrer Freundschaft zu Hitler skeptisch gegenüber.
Riefenstahl nimmt gemeinsam mit dem Kunstflieger Ernst Udet an einer Grönlandexpedition teil, bei der auch der Film "SOS Eisberg" entsteht.
1934 Über den NS-Parteitag dreht Riefenstahl "Triumph des Willens". Sie setzt dafür 16 Kamerateams mit über 100 Mitarbeitern ein. Aus mehr als 60 Stunden Filmmaterial entsteht einer der bekanntesten und wirkungsvollsten Propagandafilme überhaupt. Riefenstahl hebt die Solidarität der Parteibasis zum NS-Regime durch einen vielfältigen Bilderrhythmus heraus, wofür sie die chronologische Reihenfolge der Ereignisse aufbricht. Durch spezielle Kameraeinstellungen und ungewöhnliche Schnitte werden die führenden Nationalsozialisten vor der von Albert Speer gestalteten Kulisse in eine mythische Atmosphäre gerückt.
Die Ausdruckskraft von Symbolen wie dem Hakenkreuz, Flaggen und dem Reichsadler werden durch Licht- und Musikeffekte betont. Riefenstahls Film wird mit dem Deutschen Filmpreis und mit der Goldmedaille in Venedig ausgezeichnet.
1935 Aus Anlass der Wiedereinführung der Wehrpflicht dreht Riefenstahl den Propagandafilm "Tag der Freiheit – unsere Wehrmacht"
1936 Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere erhält Riefenstahl den Auftrag, die Olympischen Spiele in Berlin im Film propagandistisch umzusetzen. Mit großem Aufwand und mit moderner Technik werden die Dreharbeiten während der Spiele durchgeführt. Das nachträgliche Schneiden des über 400'000 Meter langen Filmmaterials nimmt 18 Monate in Anspruch, es entstehen zwei eigenständige Teile. Damit hebt sie Sportaufnahmen auf die Ebene der Kunst und zelebriert mit Bildern die Schönheit menschlicher Bewegung und Kraft; zentral ist dabei die Verherrlichung der Schönheit und Harmonie des Körpers.
1937 Auf der Pariser Weltausstellung erhält der Parteitagsfilm "Triumph des Willens" einen Internationalen Großen Preis. Es kommt daraufhin zu Protesten der französischen Arbeiterbewegung.
20.04.1934 Die beiden Olympia-Filme "Fest der Völker (Teil I)" und "Fest der Schönheit (Teil II)", zusammen vier Stunden lang, werden Hitler zu Ehren an dessen Geburtstag erstmals öffentlich vorgeführt. Riefenstahl erfährt für die technisch hervorragenden Filme große internationale Anerkennung. Bei den Filmfestspielen in Venedig erhält der Film den Ersten Preis.
1939 Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verleiht Riefenstahl nachträglich eine olympische Goldmedaille.
1941 - 1945 Durch den Zweiten Weltkrieg und durch Gesundheitsprobleme wird Riefenstahl an der Produktion weiterer Filme gehindert.
1944 Heirat mit dem Major Peter Jacob. Drei Jahre später wird sie von ihm wieder geschieden.
1948 In Anerkennung der Olympia-Filme verleiht das IOC Riefenstahl für ihre Goldmedaille zusätzlich das olympische Diplom.Sie wird vor Gericht angeklagt, bei der "Tiefland"-Produktion die Sinti und Roma nicht entlohnt und ihnen fälschlicherweise die Rettung vor der Deportation versprochen zu haben. Sie wird schließlich freigesprochen.
1949 Riefenstahl führt einen erfolgreichen Prozess gegen die Illustrierte "Bunte", welche die Vorwürfe publik gemacht hat. Es folgen mehrere Prozesse, in denen sie der Propagandatätigkeit für das NS-Regime angeklagt wird.
1954 Der Film "Tiefland" wird beendet und in die Kinos gebracht, ohne ein Erfolg zu werden.
1954 - 1971 Riefenstahl kann nur wenige ihrer geplanten oder begonnenen Projekte fertig stellen. Auch ihr Filmprojekt über die Amazonenkönigin Penthesilea bleibt unvollendet. Sie stößt in der Öffentlichkeit häufig auf Kritik wegen ihrer Arbeiten für das NS-Regime. Neben ihren Filmarbeiten wendet sie sich vor allem der Photographie zu.
1972 Bei den Olympischen Spielen in München ist Riefenstahl offiziell als Photographin akkreditiert.Auf einer Reise lernt sie tauchen und arbeitet in tropischen Meeren an Unterwasseraufnahmen.30 Jahre später wird ihr letzter Film "Impressionen unter Wasser" noch einmal im Fernsehen bei "arte" gezeigt.
1973 Auf ausgedehnten Reisen in Afrika verbringt sie lange Zeit bei dem sudanesischen Ureinwohnerstamm der Nuba. Sie erlernt deren Sprache und arbeitet an großen Photoserien. Sie veröffentlicht diese in dem Photoband "Die Nuba". Für ihre ästhetische und ausdrucksreiche Photographiekunst erhält Riefenstahl internationale Anerkennung.
1976 Sie ist Ehrengast des IOC bei den Olympischen Spielen in Montreal.Riefenstahl wird vom Art-Directors-Club Deutschland mit einer Goldmedaille für ihre künstlerisches Werk ausgezeichnet.Sie veröffentlicht den Text- und Bildband "Die Nuba von Kau".
1978 Der Photoband "Korallengärten" mit Unterwasseraufnahmen aus tropischen Gewässern erscheint.
1980 In Tokio werden ihre Photoserien über die Nuba gezeigt. Die Ausstellung wird ein großer Erfolg.
1982 In der Fernsehdokumentation "Zeit des Schweigens und der Dunkelheit" im Westdeutschen Rundfunk (WDR) werden die "Tiefland"-Vorwürfe gegen Riefenstahl erneuert und erhärtet. Sie kann diese daraufhin nicht mehr öffentlich abstreiten. In den Medien wird eine breite Diskussion über ihre Rolle im Nationalsozialismus geführt.Veröffentlichung des Bildbands "Mein Afrika".
1987 Sie veröffentlicht ihre Memoiren, in denen sie eine Komplizenschaft mit dem NS-Regime unter Hinweis auf ihre rein künstlerische Motivation bei den Propagandafilmen abstreitet. Von der Kritik wird das Buch verrissen. Das Werk wird in neun Sprachen übersetzt und im Ausland ein großer Verkaufserfolg.
1990 Der Photoband "Wunder unter Wasser" erscheint.
1992 - 1993 Riefenstahl wirkt an der Filmbiographie "Die Macht der Bilder" über ihr eigenes Leben mit. Der Film wird auch im deutschen Fernsehen gezeigt und erhält beste Kritiken. Er wird mit dem Fernseh-Oscar "Emmy" ausgezeichnet und im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt.
1996 Das Kölner Schauspielhaus bringt eine choreographierte Version ihrer Biographie auf die Bühne.
1996 - 1997 In Mailand und Rom wird eine umfassende Werkschau von Riefenstahls Arbeiten gezeigt.
1997 Die Filmvereinigung Cincecon verleiht ihr in den USA eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk. Die umstrittene Ehrung wird von großem Applaus, aber auch deutlicher Ablehnung im Publikum begleitet.
2002 Leni Riefenstahl, die ihre letzten Lebensjahre mit ihrem 40 Jahre jüngeren Lebensgefährten und Mitarbeiter Horst Kettner hochbetagt und hochmotiviert in ihrem Haus in Pöcking am Starnberger See verbracht hat, feiert ihren 100. Geburtstag; sie ist damit die älteste aktive Filmemacherin der Welt. Das "Time"-Magazin bezeichnet Riefenstahl "als einzige Frau, die zu den 100 einflussreichsten und beeindruckendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts" zählt. Die Hollywood-Schauspielerin Jodie Foster will demnächst ihr Leben verfilmen.
Welchen Titel würde sie einem Film über 100 Jahre Leni Riefenstahl selbst geben, wurde sie anlässlich ihres runden Geburtstags gefragt. "Geliebt, verfolgt und unvergessen", antwortete sie der Zeitschrift "Vogue". Zu den Bewunderern ihrer Filmästhetik gehören Francis Ford Coppola, George Lucas, Helmut Newton und Mick Jagger; Jean Cocteau nannte sie ein "Genie des Films".
22.08.2003 Leni Riefenstahl erreicht das biblische Alter von 101 Jahren; die betagte Künstlerin verbringt diesen Tag wegen ihrer angegriffenen Gesundheit zurückgezogen in ihrem Haus am Starnberger See. "Wir hoffen, dass es bald wieder aufwärts geht", sagte eine Mitarbeiterin der Filmemacherin; Riefenstahl erhole sich nur sehr langsam von einer Krebs-Operation. Dazu kämen noch ihre anhaltend schweren Rückenschmerzen, die sie seit vielen Jahren habe.
08.09.2003 Leni Riefenstahl verstirbt im Alter von 101 Jahren in ihrem Haus am Starnberger See; vier Tage später nehmen Freunde und Weggefährten bei einer bewegenden Trauerfeier in der Aussegnungshalle am Münchner Ostfriedhof Abschied von der Künstlerin. Zu den Trauergästen gehören unter anderem der Medienunternehmer Leo Kirch sowie die bayerische TV-Moderatorin und Ärztin Antje-Katrin Kühnemann, die die Trauerrede hält. Der Leichnam wird nach dem Willen der Gestorbenen eingeäschert; Riefenstahl hatte sich eine Grabstätte umgeben von Bäumen und Blumen gewünscht.




Leni Riefenstahl: "Von nun an hat mich die Arbeit aufgefressen. Ich habe diese Olympischen Spiele kaum miterleben können. Oft hatte ich keine Ahnung, was ich ereignete. Zum Beispiel habe ich die Tragödie der deutschen Frauenstaffel .... nicht erlebt. Ich mußte an vielen Stellen zugleich sein. Erst im Schneideraum habe ich diese Szene gesehen."

Leni Riefenstahl: "Etwa 15'000 - 16'000 Meter Material wurden täglich kopiert, angesehen und beurteilt. So konnte ich jeden Tag, je nach Resultat, die Einsätze der Kameramänner wechseln. Die gut arbeitenden Operateure erhielten die schwierigen Aufnahmeplätze, die unbegabten die weniger wichtigen. Nur fünf Minuten hatte ich für jeden Kameramann Zeit, um ihm seine Aufgaben für den kommenden Tag zuzuweisen. Diese Besprechungen endeten nie vor zwei Uhr nachts."

Leni Riefenstahl: "Man müßte auswählen, weglassen, Schwerpunkte setzen, das Wesentliche zeigen und auf Unwesentliches verzichten. Aber wie sollte ich vorher wissen, was sich als wichtig oder unwichtig herausstellen und bei welchem Vorlauf vielleicht ein Weltrekord aufgestellt würde. Das hieß, man müßte fast alles filmen, und dies aus allen nur erdenklichen Perspektiven. Und dann die Sklavenarbeit im Schneideraum."

Leni Riefenstahl: "Die Dramatik dieses Laufes, den die Kameraleute mit einem Auto begleiteten, habe ich erst am Schneidetisch erlebt. Das Material war so hervorragend gelungen, daß der Marathonlauf einer der Höhepunkte des Olympiafilms wurde."





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